Mittwoch, 16. Dezember 2009

16.Teil


Mit hochrotem Kopf versteckte sich Ralf hinter seinem Bildschirm. Das Schlimme war, Möhrbeck hatte recht. Er wusste, dass er Frauen gegenüber schüchtern war. Wenn es nicht so wäre, hätte er Berta schon längst zum Essen eingeladen, in dieses französische Restaurant, von dem er in der Zeitung gelesen hatte. Oder zu einer Ausstellungseröffnung in die Galerie mit den großen weißen Räumen, die er alleine zu betreten nie gewagt hätte. Aber nein, er schaffte es nicht mit ihr zu reden.
Am nächsten Tag fand Berta eine CD mit ausgewählten Weihnachtsliedern in ihrer Manteltasche. Daheim, beim Anhören, überlegte sie, wer wohl die nette Mischung zusammengestellt hatte. Und wer im Büro konnte so schön basteln? Das traute sie ihren Kolleginnen und Kollegen nicht zu. Bing Crosby sang von „White Christmas“ und Berta schloss die Augen.

Dienstag, 15. Dezember 2009

15.Teil


Durch die Geschenke kam er ihr nahe wie noch nie zuvor. Ihr eine Freude zu machen, dazu war jetzt die letzte Gelegenheit. Nach Weihnachten würde er weg sein und niemand würde ihn vermissen. Darüber machte sich Ralf keine Illusionen. Wahrscheinlich würde im März oder April jemand aufblicken und erstaunt fragen „Wo ist denn eigentlich dieser Gutmann, oder wie er heißt?“ und nachdem alle ihre Köpfe geschüttelt hätten, wäre er ganz vergessen.
Der Weihnachtsschokolade folgte eine rote Christbaumkugel, die plötzlich an ihrer Handtasche baumelte, ein Teelichtglas, das in ihrer Schublade auftauchte und mit der Hauspost kam in einem braunen Umschlag ein Tannenzweig mit geschnitzten Anhängern.
Bei der Christbaumkugel wäre er beinahe entdeckt worden. Im Vorbeigehen, hinter einem Ordner die Kugel versteckt, bückte er sich kurz und befestigte sie mit einem Silberdraht an der Handtasche. Da sah ihn die Reiber und sagte: „Wohl im Schriebtisch geirrt?“ Nervös nestelte Ralf zum Schein an seinen Schnürsenkeln und drückte sich dann schnell weiter. Die Reiber konnte ganz schön spitz sein, das wusste Ralf und hielt sich lieber von ihr fern. „Warum der einen Mund hat, weiß ich wirklich nicht. Der redet ja nie etwas.“, sagte sie daraufhin zur Möhrbeck. „Der stottert ja schon, wenn er nur eine Frau in der Ferne sieht“, antwortete Britta und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

Montag, 14. Dezember 2009

14.Teil


„F, G, H, da ist es“, murmelte Berta und zog eine Schublade aus dem großen Aktenschrank hervor. Hier gehörten die Unterlagen der Firma Hausmann und Partner hin, die sie die letzten Tage über bearbeitet hatte. Mit der linken Hand schob sie die anderen Akten zur Seite, als ihre Finger etwas berühren, was nicht dorthin gehörte. Es war eine Tafel Weihnachtsschokolade an der ein filigran gefalteter Stern aus Goldpapier klebte. Langsam wurde es ihr unheimlich. Nicht die kleinen Geschenke, sondern dass niemand in der Abteilung ein Wort darüber verlor. Keine spöttischen Bemerkungen, keine überflüssigen Kommentare. Normalerweise entging ihren Kollegen nichts. Daher war die Heimlichkeit eine ganz besondere Zugabe. Neben ihr wurde eine Schublade mit Hängeordnern aufgezogen. Berta schaute auf und sah Herrn Gutmann, wie er sich über T bis Z beugte. Berta ließ die Schokolade zwischen zwei Aktendeckel rutschen, nahm diese heraus und ging zu ihrem Platz. Ralf freute sich einerseits über ihre Diskretion und andererseits, weil er neben ihr gestanden war. Es wäre so einfach, sie im Büro anzusprechen, das wusste er. Wie gerade jetzt mit einer kurzen Bemerkung ein Gespräch anfangen. Er schaffte es nicht.

Sonntag, 13. Dezember 2009

13.Teil


Die Neugier hatte sie gepackt und am nächsten Morgen war sie eine halbe Stunde früher im Büro. Nichts passierte, kein Wichtel, der um ihren Schreibtisch schlich. Auch bis zum Abend ließ sich kein Wichtel blicken und etwas enttäuscht, und für dieses Gefühl schalte sie sich eine Närrin, schlüpfte sie in ihren Mantel. Schneller als gewohnt schritt sie zu ihrem Auto hinüber. Zunächst hatte sie die beiden Strohsterne gar nicht bemerkt. Erst als sie losfuhr, sah Berta sie an den Scheibenwischern baumeln. Sie bremste, stieg aus, löste behutsam das rote Band und betrachtete die beiden Sterne.
„Probleme mit dem Wagen?“, rief hinter ihr Portsmann aus dem heruntergekurbelten Autofenster. „Nein, ich fahre gleich weiter“, antwortete Berta und stieg ein. Die beiden Strohsterne legte sie vorsichtig auf den leeren Beifahrersitz. Beim Losfahren musste sie lächeln.

Samstag, 12. Dezember 2009

12 von 12 - Auch das ist Weihnachten

Ein Spaziergang bei strömenden Regen durch die Fußgängerzone -
auch das ist Weihnachten

















Und wie immer gibt es eine Liste bei Draußen nur Kännchen wer noch alles mitgemacht hat.

12.Teil


Jetzt war Marie-Luise hin und her gerissen – die Aussicht auf einen Eklat, mit Sitzstreik unterm Tannenbaum und womöglich dem Fernsehen live vor Ort, schien ihr sehr verlockend. Als sie mit Britta im Lift in die 5.Etage fuhr, überlegte sie ihre Vorgehensweise. Allerdings hatte sie den körperlichen Einsatz ihrer Kollegin unterschätzt. Der Chef versprach, die Weihnachtsfeier wie gewöhnlich abzuhalten, nur müsste die Gewerkschaft sich um das Rahmenprogramm kümmern. Hinterher erzählte Marie-Luise allen, wie gut sie argumentiert hätte und dass der Chef keine andere Wahl hatte, als vor ihr in die Knie zu gehen. Den Becher Glühwein, den Britta mit dem Chef persönlich trinken wollte, verschwieg sie. Als die beiden das Büro wieder betraten und stolz die frohe Botschaft verkündeten, saß Berta immer noch da und ließ die Schneeflocken über ihren Schreibtisch wandern.
Es war eine nette Geste, aber wer mochte es bloß sein? Wer ihrer Kollegen – oder war es eine Kollegin? - sollte bei ihr wichteln? Man beachtete sie doch sonst kaum und jetzt das.

Freitag, 11. Dezember 2009

11.Teil


Das musste Berta schon am nächsten Morgen tun. Denn auf ihrer grünen Schreibunterlage leuchteten drei aus Papier akkurat ausgeschnittene Schneeflocken. Jede hatte ein anderes, aufwändiges Muster, so wie echte Schneeflocken. Berta erinnerte sich an einen Bericht über einen Japaner, der Wassertropfen mit Wörtern wie Liebe oder Hass besprach und dann gefror. Die Wasserkristalle sahen danach ganz unterschiedlich aus. Asymmetrisch und verkrüppelt bei negativen Wörtern und bei den positiven so gleichmäßig wie diese, die vor ihr lagen. Welche Botschaft sie wohl in sich trugen?

Marie-Luise riss sie aus ihren Gedanken. „Wir bekommen unsere Weihnachtsfeier, das verspreche ich dir“, rief sie Berta im Vorbeigehen zu. Bis Berta antworten konnte war Marie-Luise schon zu Britta gestürzt, die mit frischer Dauerwelle, frisch erblondet und mit einem tief ausgeschnittenen Oberteil das Büro betrat. Um 10 Uhr hatte Marie-Luise einen Termin in der Chefetage organisiert um sich für ihre Weihnachtsfeier stark zu machen. Sie wusste die gesamte Gewerkschaft hinter sich und vom Landesvorsitzenden hatte sie die Meldung bekommen, dass man im Falle eines Scheiterns der Gespräche sogar einen Präzedenzfall in Sachen betrieblicher Weihnachtsfeiern schaffen würde.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

10.Teil


Die Welle der Empörung schwappte hoch. Man wollte sich das nicht gefallen lassen. Marie-Luise würde für die Weihnachtsfeier kämpfen, versprach sie ihren Kolleginnen und Kollegen. Schließlich, das sagte sie aber nicht, hatte sie die Geschichte schon ausgewählt und konnte sie fast auswendig. Berta bekam von der Aufregung um sich herum nicht viel mit genauso wenig wie Ralf, der mit klopfendem Herzen sich tief über seinen Schreibtisch beugte.
Am nächsten Nachmittag steckte plötzlich ein neuer Bleistift zwischen Bertas anderen. Er war dunkelblau mit glitzernden Sternen darauf. Berta nahm ihn und fuhr mit den Fingerspitzen darüber. Als Schulmädchen hätte sie sich sehr darüber gefreut – und ein wenig von einem Schulmädchen steckte noch immer in ihr. Sie blickte auf. Niemand schaute zu ihr her, alle saßen auf ihrem Platz. Nur Marie-Luise und Britta steckten die Köpfe zusammen. Drüben, am anderen Ende holte gerade Konrad seinen Flachmann heraus und Berta sah, wie er Ralf Gutmann einen Schluck aufdrängte. Sie steckte den Stift zurück und überlegte. Das waren jetzt zwei Überraschungen. Wer in der Abteilung konnte so adventlich gestimmt sein, bei ihr zu wichteln? Oder wurde auch bei anderen gewichtelt? Allerdings hätte man das mitbekommen, sie kannte ihre Kollegen. Sie beschloss erst einmal abzuwarten, bevor sie sich darüber den Kopf zerbrach.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

9.Teil


Am nächsten Morgen fand Berta einen Schokonikolaus auf ihrem Schreibtisch. Sie warf einen schnellen Blick in die Runde, doch niemand schaute her. Etwas irritiert steckte sie ihn in ihre Handtasche. Wo war er hergekommen?
Alle ihre Kollegen waren heute um Marie-Luise Reiber geschart, denn die Gewerkschaftsvertreterin musste sich furchtbar aufregen. Die allgemeine Weihnachtsfeier war „von denen da oben“ gestrichen worden. Nur in den einzelnen Abteilungen sollte im kleinen Kreis gefeiert werden. Doch das war gegen die gewerkschaftlichen Vereinbarungen. Außerdem las Marie-Luise bei jeder Weihnachtsfeier eine Geschichte und das tat sie lieber vor einer größeren Zuhörerschaft. Legte sie doch ihre ganze Seele in den Vortrag, den sie daheim vor dem Spiegel einstudierte.

Dienstag, 8. Dezember 2009

8.Teil


Frau Engel erinnerte Ralf an seine Grundschullehrerin. Vielleicht kam er deswegen auf seinem Weg zurück zum Büro auf die Idee mit dem Wichteln. Denn in der dritten Klasse hatten sie vor Weihnachten sich gegenseitig gewichtelt. Jetzt, wo er gekündigt hatte, fühlte er sich freier. Ja, so gut hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.